Direkt zum Hauptbereich

Der Weg vom Ich zum Wir ist noch lange

pixabay

Es gibt zahlreiche Bücher mit dem Titel „Vom Ich zum Wir“. Gerne hat die damalige Regierung der ehemaligen DDR diesen Slogan als sozialistische Parole verwendet. Gerade mit dem zweiten Beispiel hat dieser Kommentar aber herzlich wenig zu tun.

 

Wann aber wird das Ich und wann das Wir benutzt? Hauptsächlich in Aussagen, in denen die Meinung wichtig ist. Beispiel Arbeitsplatz: Ich als Arbeitnehmer bin der Meinung, dass ich ungerecht behandelt werde. Wir als Firma und ihr Arbeitgeber sehen das aber anders. Ich werde das mit der Gewerkschaft und dem Betriebsrat besprechen. Dann sind WIR stärker. An diesem vereinfachten Beispiel sieht man recht schnell, wie und das ein Wir stärker sein kann als ein Ich. In der Politik gibt es wenige Politiker, die aus der Ich-Perspektive ihre Meinung sagen. In den meisten ihrer Aussagen hört man ein verstecktes Ich in der „Wir als Partei“-Meinung.

 

In der kleinsten gemeinsamen Gruppe einer Gesellschaft - der Familie - wird durch das Zusammenleben, die gemeinsamen Rituale ein familiäres Wir-Gefühl. Zumindest sollte das der Idealfall sein. Jedes Kind hat seinen eigenen Charakter, den es mehr oder weniger ausgeprägt auslebt. Ein anfänglich sehr egoistisches Ich erkundet die Welt und wird durch Erziehung und Aneignung zu einem Familien-Wir verändert. Viele dieser Wir-Prägungen geben Eltern automatisch an ihre Kinder weiter, manche dieser Wir-Prägungen werden durch zwei verschiedene Wir-Einflüsse unterschiedlicher Familienstämme geändert.

 

2015 war ein wichtiges Wir-Jahr. Es war das Jahr der großen Fluchtbewegung, die als Flüchtlingskrise besser bekannt ist. Gerade in Deutschland und auch Österreich war die anfängliche Solidarität überwältigend und Slogans wie „Wir schaffen das“ in alter Bob der Baumeister-Manier verstärkten dieses Wir-Gefühl. Relativ schnell ebbte dieses Gefühl aber ab und somit auch die Bereitschaft zur aktiven Mithilfe. Am Ende blieben nur einige Ichs übrig. Zu wenig für ein gemeinsames Wir.

 

Seit Beginn der Pandemie sind wir recht schnell wieder auf den Wir-Zug aufgesprungen. So haben wir alles Erdenkliche und Unerdenkliche möglich gemacht, was die Regierung(en) von uns verlangt haben. Bis zur völligen Isolation. Für viele ein beklemmendes und deprimierendes Ich-Gefühl. Wir haben das aber (fast) alle mitgemacht, damit die Aussicht und Hoffnung auf ein (neues) normales Wir wieder Früchte tragen kann. Je länger aber diese Reduktion vom Wir auf das Ich stattgefunden hat, umso größer wurden der Frust, der Neid und das Unbehagen kein Wir mehr sein zu können.

 

Nun stehen wir wieder vor einem wichtigen Entscheidungspunkt für unser gesellschaftliches Wir-Leben. Entweder wir schützen diejenigen, die sich gesetzlich noch nicht schützen lassen können oder wir spalten uns in zwei gesellschaftliche Schichten. Derjenigen, die bereit sind, Opfer für andere zu bringen. Im Klartext sind das Geimpfte, die Kinder unter 12 und vulnerable Gruppen schützen. Oder diejenigen, die durch ein ausgeprägtes Ich-Gefühl sich selbst und andere ungeschützte Gruppen gefährden beziehungsweise das eigene Leben und das anderer aufs Spiel setzen. Hier sind wir also noch weit entfernt von einem Ich hin zu einem gemeinsamen Wir. Wer die jetzigen Infektionszahlen und Hospitalisierungen von Nichtgeimpften ignoriert und negiert, zeigt entweder ein ausgeprägtes optimistisches Selbstbewusstsein oder ist schlicht ein Ignorant und Egoist. Was als Nächstenliebe mit Isolation zum Schutz für vulnerable Gruppen begonnen hat, ist momentan ein sehr gefährlicher Tanz auf dem Vulkan. Hoffentlich bricht dieser nicht aus.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die tapfere neue Welt

Vor mehr als einem Jahr wurde uns das beflügelte Wort der „neuen Normalität“ untergejubelt. Die meisten von uns konnten und können sich recht wenig darunter vorstellen. Seit Mitte dieser Woche wagen wir einen großen Schritt in diese vermeintlich „neue Normalität“. Einen gewissen Vorgeschmack hatten wir ja vergangenen Sommer mit großzügigen Öffnungsschritten und noch großzügigeren Warnungen vor einer nächsten Infektionswelle. Doch nun stehen wir mit einem anderen Set-up vor der nächsten Öffnungswelle. Wir haben Impfstoffe und wir können uns impfen lassen - auf freiwilliger Basis. Diese Grundlage war vergangenen Sommer noch eine „Was-wäre-wenn-Rechnung“.    Was aber ist nun wirklich diese „neue Normalität“ und was haben wir aus dieser weltweiten Pandemie gelernt? Mit Verlaub, die Pandemie ist nach wie vor da, nur haben es manche Länder und Staaten mit einer guten Gesundheitsinfrastruktur und viel Geld besser in der Hand als manch andere - sogenannte Schwellen- oder Drittweltl...

Neid ist ein schlechter Freiheitskämpfer

Die Urlaubszeit steht an. Kurz noch im Internet die preisgünstigsten Angebote eingeholt und mit einem Klick ist der Familienurlaub gebucht. Vor dem Bezahlmodus wird man noch aufgefordert, die ID seines grünen Passes einzugeben. Auch die Nummern der restlichen Familienmitglieder müssen eingegeben werden. Das Buchungsportal prüft kurz mit einem Verifizierungsalgorithmus die Echtheit der Passnummer. Ende der Überprüfung. „Vielen Dank für die Buchung und einen erholsamen Urlaub!“, bekommt man als Bestätigung für den bevorstehenden Familienurlaub. Mittlerweile ist der grüne Pass ein ständiger Begleiter in Größe einer EC-Karte. Praktisch, denn sie hat ebenfalls eine kontaktlose Überprüfungsfunktion. Überall, wo der Pass als Kontrolle dient, wird er einfach gescannt und schon hat man Zutritt zu sämtlichen Freizeiteinrichtungen.   Die Durchimpfungsrate ist mittlerweile europaweit bei nahezu 80 Prozent. Zumindest bei denjenigen, die es auch wollen.   Die Ausgangsbeschränkungen und ...

Recht und Pflicht

Nein, das wird keine juristische Abhandlung, aber ein kleiner Ausflug für eine Klarstellung soll mir erlaubt sein: Wenn etwas juristisch rechtlich verankert ist, dann wird es für uns Bürger zur Pflicht, dies zu befolgen. Beispiel Drogenkonsum – egal welche Droge – ist im Straßenverkehr nicht erlaubt. Das wird gesetzlich geahndet.    Komplett anders verhält es sich im alltäglichen Gebrauch der beiden Termini. Was sind aber nun die Rechte und Pflichten, die jeder von uns moralisch und ethisch hat? Wenn ein Politiker - eine Person des öffentlichen Interesses und im öffentlichen Leben stehend - Unrechtes getan hat, wäre es dann nicht seine Pflicht, Konsequenzen daraus zu ziehen? Ja, es ist das Recht des beschuldigten Politikers zu sagen, stimmt alles nicht, ich warte auf ein juristisches Urteil. Aber das kann erfahrungsgemäß dauern und sich ziehen. Somit erwartet die Bevölkerung, dass es seine moralische Pflicht wäre, sich zu entschuldigen und eventuell als Ko...